Speedweek 2010 – vier Wochen und kein Ergebnis

Seit fast zwei Dekaden bestreitet die Equipe37 Langstreckenrennen. Zuerst bei Moto Aktiv, später auch in der Langstrecken Weltmeisterschaft. 2004 holte sich die Equipe37 sogar den Sieg in der Stocksport-Klasse des 24 Stunden Rennen in Oschersleben auf einer Suzuki GSX-R 1000. Für 2010 sah es für lange Zeit überhaupt nicht gut aus. Die deutsche Speedweek in Oschersleben hat das WM-Prädikat abgegeben und richtete nur mehr ein Internationales Endurance Rennen aus. Ohne WM-Status wurde es schwierig Sponsoren zu finden und lange wurde überlegt, ob wir starten sollen.

Vier Wochen vor dem Rennen pünktlich zum Nennschluß entschieden wir: Speedweek in Oschersleben und die Equipe37 gehört zusammen wie Japan und Sushi. FloR1an stellte seine Yamaha R1 RN19 zur Verfügung und die Mechaniker Michel, Nail, Armin und Markus verkrochen sich Feierabends nach der normalen Arbeit bis tief in die Nacht in die Garage im Hauptquartier im hessischen Roßdorf. Viele Details galt es zu optimieren, schließlich wollten wir wie immer in der richtigen Endurance-Klasse mit nur einem Motorrad fahren.

Das Reglement der Speedweek wurde zu den Vorjahren gelockert und die meisten Teams starten inzwischen auf zwei oder mehr Maschinen. Das vereinfacht die Boxenstopps erheblich, da nur noch der Transponder für die Zeitmessung ausgetauscht werden muss. Tanken, Reifenwechseln oder Sturzschäden reparieren können diese Teams dann in Ruhe, während die zweite Maschine auf der Piste ist. Das ist natürlich schneller und effektiver, kam für uns aber nicht in Frage. Der ganze Teamgeist ist ein ein ganz anderer, wenn man wirklich auf ein Motorrad angewiesen ist.

Weil die Entscheidung zu starten so kurzfristig fiel, hatte auch nur eine kleine Kernmannschaft für das Rennen in Oschersleben Zeit. Viele wertvolle Mechaniker- und Organisationshände waren im Urlaub oder beruflich fest eingebunden. Von deutscher Seite kamen Markus und Oliver mit der kompletten Ausrüstung im riesigen Hänger von Lagersysteme Weiß. Gemeinsam mit Smoke und mir wurde Box 25 bezogen und mit Aufstellern und Bannern geschmückt. Die holländische Fraktion kam mit Feiko, Laurens und MaTThijs.

Starkes Regentraining

So gingen wir in den ersten Trainingstag, an dem es mehr oder weniger immer regnete. Für das erste Training starteten wir mit angefahrenen, alten Regenreifen. Es war ein freies Training und es ging ja um nichts. Nur ein wenig Gefühl finden und schauen, ob alles funktioniert. Das zweite, freie Training war genauso nass und wir entschieden uns, jetzt die Regenreifen zu testen, die wir auch im Rennen fahren wollten. Schließlich waren auch für den Renntag wechselhafte Bedingungen gemeldet. Das Motto lautete auch weiter, ohne großes Risiko zu fahren. MaTThijs knallte aber gleich in seiner dritten Runde eine 1.55 hin -das zu diesem Zeitpunkt die Bestzeit mit zwei Sekunden Vorsprung vor dem Zweiten. Andy erreichte später im Training die gleichen Zeiten und wir hofften fast, dass es Renntag aus allen Eimern schüttet, denn ganz locker stand die Equipe37 nach dem ersten Tag auf Platz 3 des Zeitenzettels. Die Bridgestone Regenreifen sind ein echter Knaller.

Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es ein freies Training war, alle Mannschaften sich nur einrollten und einige, schnelle Regenfahrer erst gar nicht raus gingen. FloR1an kam erst kurz vor dem Zeittraining, Teamchef Axel am Vorabend. Der zweite Tag mit den Zeittrainings zeigte klar, an was es uns fehlte: Zeit. Alle anderen waren schon Börde-, Reinoldussprints oder German Endurance Cup gefahren und legten schnell richtig vor. Wir dagegen saßen zum ersten Mal auf dieser Yamaha RN19. So kamen wir viel zu langsam auf ansprechende Rundenzeiten und konzentrierten uns darauf, das Fahrwerk optimal einzustellen. Es blieb aber zu wenig Zeit und wir blieben deutlich über den Zeiten aus dem letzten Jahr. Aber es war ja ein Langstreckenrennen und die drei Fahrer MaTThijs, FloR1an und ich lagen ziemlich nah zusammen. Das gab Hoffnung fürs Rennen, da viele Mannschaften lediglich einen schnellen Mann hatten. Schließlich brachte Armin auch das geniale Starlane GPS Zeitmessgerät mit, das gnadenlos aufzeigt, wo man überall zu langsam ist und wir Fahrer hatten auch endlich eine Orientierung beim Fahren, wie es Rundenzeitentechnisch so lief.

Startschwierigkeiten

FloR1an übernahm den Start. MaTThijs hatte dies die letzten Jahre vorher immer getan und ich wollte nach dem Desaster in Ledenon im Frühjahr nicht starten, wo ich von Pole bis in die erste Kurve bis zurück ins Mittelfeld geschafft hatte. In einer langen Reihe standen alle Motorräder auf der Start-Ziel Geraden zum Le Mans-Start. Dazu sprinten die Fahrer von der anderen Strassenseite zum Motorrad, starten das Aggregat und los geht der Tiefflug über acht Stunden. Der Start lief nicht so gut, ein Killschalter war ausgeschaltet und verlor FloR1 einige Plätze. Das hatte den Vorteil, dass er den weiteren, ersten Turn umso mehr überholen konnte. Mit seiner fehlerfreien Fahrt brachte uns Flori bis auf Platz 14 nach vorn und damit schon einen Platz besser als die durchwachsene Startposition. MaTThijs übernahm, nachdem Oliver und Smoke fluchs neuen Sprit in den 24 Liter Tank gepumpt hatten, und brachte uns weiter noch nach vorn. Mit konstant schnellen Zeiten kamen wir bis auf die neunte Position, bis die Teams mit mehreren Motorrädern die Vorteile des kurzen Boxenstopps auspielen konnten.

Denn als MaTThijs zum Tanken und Fahrerwechsel kam, musste auch ein neuer Hinterreifen drauf. Laurens, Feiko und Axel meisterten diese Aufgabe zwar souverän und schnell aber es dauert eben doch bedeutend länger, als nur den Transponder um zu stecken. In unserer Klasse mit nur einem Motorrad lief es dagegen prächtig. Wir lagen aus Position 2 und das Podest schien sicher. Endlich durfte ich dann auch ran. Die Yamaha lief prächtig, die Brigdestone BT003 ebenso. Auf der Strecke war recht viel Verkehr und im Gegensatz zu den letzten Jahren war ich nicht derjenige, der beständig überholt wurde sondern musste selbst in jeder Runde langsamere Kollegen ausbremsen, ausbeschleunigen oder auch mal aussen herum überholen. Trotzdem konnte ich meine persönliche Bestzeit von 1.35 Mitte einstellen. Schneller ging es aber leider nicht, was weder am Motorrad oder am Team lag. Etwas mehr Sport als nur alle vier Wochen ein paar Runden im Kreis fahren zur Vorbereitung hätte Wunder gewirkt. Leider weiß ich wirklich nicht so richtig, wie ich das unterbringen soll, seit am 12. Mai unser viertes Kind Mattis geboren wurde. Schon als der Tank noch gut halbvoll war, fing mein Kreislauf mächtig an zu pumpen. Schnappatmung war aber keine Lösung und die 1.34 musste ein anderes mal fallen. Ich schaltete in den Cruising-Modus und nach einer Stunde und sieben Minuten übernahm FloR1an die Maschine wieder.

Es läuft

Alles lief rund, der zweite Platz schien sicher und die Halbzeit des Rennens bereits überschritten. Nach hinten hatten wir mehrere Runden Luft. Nach vorn war das Motobox Kremer-Team uneinholbar. Und das nicht nur wegen schnellerer Rundenzeiten, sondern auch weil die Equipe37-Yamaha nach Superstock Reglement aufgebaut ist. Daher keine Schnellwechselvorrichtungen an Gabel oder Schwinge. Im Gegensatz zu allen anderen Ein-Motorrad-Teams mussten wir also die Bemszangen zum Vorderradwechsel abschrauben und auch hinten war mehr zu tun, als nur die frische Felge einzulegen. Es kam aber sowieso ganz anders.

Flori sicherte unsere Platzierung mit konstant schnellen Runden weiter ab und übergab das Motorrad nach einer weiteren, reichlichen Stunde an Matthijs. Unser Niederländischer Pilot ging raus und alles schien bestens. Bis Markus zu etwa der Halbzeit des Turn meldete, dass MaTThijs fehlte. Kurz darauf rollte die havarierte R1 in die Boxengasse. Die Mechanikermannschaft war in ihrem Element, da es viel zu tun gab. Der größte Defekt war ein durchgeschliffener Kupplungsdeckel – ein fataler Faktor, wie sich später zeigen würde.

Das Schicksal meint es in Oschersleben in den letzten Jahren einfach nicht gut. Wie schon im letzten Jahr war MaTThijs unverschuldet gestürzt. Ausgerechnet ein Pilot den die Mannschaft schon seit den Anfängen in Moto Aktiv-Zeiten als Weggefährte kennt, hatte MaTThijs von hinten angeschubst und nach der Schikane vor der Gegengeraden ins Kies befördert. Wirklich ärgerlich und dadurch waren natürlich alle Chancen auf eine Podiumsplatzierung dahin. Der Verursacher kam zwar in unsere Box und entschuldigte sich sportlich fair – die Ausrede, er hätte MaTThijs erst berührt nachdem der allein gestürzt war, klang aber wenig überzeugend. Die Reparatur dauerte fast eine halbe Stunde.

Die technischen Kommisare des Veranstalters waren übrigens von der Arbeit von Feiko, Laurens und Markus begeistert und meinten, dass dies „immer“ extrem schnell und professionell läuft. Wahrscheinlich muss schon ausgelost werden, wer bei uns beaufsichtigten darf. Wir sollten wirklich mal wieder eine Rennen ohne Sturz schaffen!

Und einmal mehr hatte ich die Ehre, die frisch reparierte Maschine zu fahren. Schnell war klar, dass die MSF Sauerland-Kommisare recht haben. Die R1 lief weiter gut. Da die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, war ich sicher, dass wir noch ein ehrenvolles Ergebnis erreichen können und gab alles. Nach Rund fünfzig Minuten sogar etwas zu viel. In der letzten Kurve vor Start-Ziel bremste ich ein wenig zu lange in die Kurve hinein. Die Konzentration war nach der langen Fahrzeit sowieso schon dahin und das Vorderrad rutschte viel schneller Weg, als das Hirn das hätte realisieren können. Vorteilhaft war der Ort des Sturzes. Vom Kiesbett aus konnte ich direkt in die Boxengasse rollen. Feiko stellte aber recht schnell fest, dass mehr als nur eine weitere Verkleidung kaputt war.

Durch den ersten Sturz und die lange Zeit, die der Motor mit offenem Kupplungsdeckel gelaufen war, wurde durch Ölmangel wohl die Dichtung des Zylinderkopfs beschädigt. Beim Fahren hatte die Maschine immer derbe Fehlzündungen, wenn man vom Gas ging und die Diagnose war eindeutig: Motorschaden und Ende dieses Rennens. Es hätte so gut werden können, aber das ist eben Langstreckenmotorsport. Oder wie es der Engländer sagt: „To finish first, first you have to finish“

Dann doch ganz anders

Mein Fazit ist dennoch absolut positiv. Es war ein wunderbar, schönes Wochenende. Die Stimmung im Team war harmonisch. Nach dem vorzeitigen Ende bekamen wir vom Teamchef den Auftrag die Essens- und Biervorräte zu vernichten, damit im Hänger mehr Platz ist. Die Lösung dieser Aufgabe machte allen viel Spaß und die Equipe37 Box war von Gelächter, schlechten deutschen und noch schechteren holländischen Witzen erfüllt. Bis tief in die Nacht feierten wir das Leben, das Rennen war kaum noch ein Thema.

Auch mein Ausrutscher muss aus mehreren Gründen als sehr positiv bewertet werden. Erstens ist nun MaTThijs nicht mehr der einzige Sturzpilot im Team und er muss sich nicht mehr allein fühlen. Zweitens war der Sturz total sinnvoll. Vielleicht hätten ein paar weitere Runden den Motor nachhaltiger beschädigt. Drittens war mein Leder noch ungestürzt, eine Farce. Und viertens war es mein erster Sturz seit gut einem Jahr – eine viel zu lange Zeit und so gesehen war ich mehr als fällig und der Zeitpunkt hätte nicht günstiger sein können.

 

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